Eine Woche unter Mönchen
Kein Internet, kein Fernsehen, dafür Gespräche über Versmaß und Gott. Ich habe eine Woche bei den Mönchen der Abtei Gerleve im Münsterland gelebt. Sieben Einblicke, die ich dabei gewinnen konnte.
Keiner habe etwas als Eigentum, überhaupt nichts, kein Buch, keine Schreibtafel, keinen Griffel gar nichts.
Regel des hl. Benedikt 33,3
Die Gästezimmer sind spartanisch eingerichtet. Moderne Unterhaltungsmedien wie einen Fernseher sucht man hier vergebens. Stattdessen liegt eine Bibel bereit.
Ein Kloster ist ein Ort der Entsagung. Das beginnt mit der Ausstattung. Während wir in unserem Alltag ein Leben im Informationsfluss gewohnt sind, spielen Dinge wie Smartphones und andere Medien für die Mönche eine untergeordnete Rolle. Das mag auf den ersten Blick asketisch wirken, ist aber im Kontrast zu unserem digitalen und schnelllebigen Alltag geradezu wohltuend anders. Keine Ablenkung durch dauernd auf dem Smartphone aufpoppende WhatsApp-Benachrichtigungen, keine Flut an News und Katastrophen, die die Welt zurzeit heimzusuchen scheint.
Das Weniger an weltlichem Komfort bringt eine Entschleunigung mit sich, die wohl vielen Menschen guttun würde.
Tun wir, was der Prophet sagt: "Ich sprach, ich will auf meine Wege achten, damit ich mich mit meiner Zunge nicht verfehle. Ich stellte eine Wache vor meinen Mund, ich verstummte, demütigte mich und schwieg sogar vom Guten.
Regel des hl. Benedikt 6,1
Ein Ort der Stille und inneren Einkehr
Klöster sind ruhige Orte. Durch das Schweigegebot in den Regeln ihres Ordensgründers sind die Benediktinermönche angehalten, möglichst wenig zu sprechen. Und das merkt man als Besucher sofort. In meiner Zeit in der Abtei verbringe ich viel Zeit in den Gängen des Klosters. Lange, steinerne Gemäuer verschlucken den Lärm der Welt da draußen vollkommen. Hier und da begegnet man mal einem der Mönche in diesen Gängen, oder hört gedämpfte Gespräche aus einem angrenzenden Raum. Aber selten habe ich einen Ort kennengelernt, der so viel Ruhe mit sich bringt.
Dass es nicht nur mir so geht, erlebe ich auch im Gespräch mit anderen Besuchern des Klosters. Michael zum Beispiel ist Architekt aus Münster und erzählt mir, dass er nun schon zum fünften Mal ein paar Tage in Gerleve verbringt. Gerade diese Stille ist für ihn ein Grund, immer wiederzukehren, um im Kloster Ruhe zu finden und aus seinem ansonsten sehr stressigen Alltag auszubrechen.
Alle Fremden, die kommen, sollen aufgenommen werden wie Christus; denn er wird sagen: "Ich war fremd, und ihr habt mich aufgenommen.
Regel des hl. Benedikt 53,1
Für Gäste haben die Mönche Platz. Mit ihnen ins Gespräch zu kommen, ist aber schon etwas schwieriger.
Gastfreundschaft ist ein wichtiger Grundsatz im Benediktinerorden. Während meines Besuchs werde ich sehr herzlich aufgenommen und darf am Leben der Mönche teilhaben. Pater Marcel, der in der Abtei für die Öffentlichkeitsarbeit zuständige Mönch, führt mich in den sieben Tagen überall herum und kann mir viele spannende Dinge über die Geschichte und das Leben als Mönch erzählen.
Gleichzeitig merkt man aber auch, dass die Mönche den Kontakt mit der Außenwelt nicht wirklich gewohnt sind. Insgesamt sind die meisten von ihnen doch etwas scheu und bleiben für gewöhnlich lieber unter sich. Was natürlich auch mit dem Schweigegebot innerhalb der Gemeinschaft zu tun hat. Wer von Glaubens her dazu angehalten ist, wenig zu sprechen, mit dem ist es natürlich auch nicht so leicht, ausgiebige Gespräche zu führen.
Müßiggang ist der Seele Feind. Deshalb sollen die Brüder zu bestimmten Zeiten mit Handarbeit, zu bestimmten Zeiten mit heiliger Lesung beschäftigt sein.
Regel des hl. Benedikt 48,1
Mönche sind Frühaufsteher.
Der Alltag der Mönche wird bestimmt durch die täglichen Gebete und Gottesdienste. Los geht es morgens schon um 5:20 Uhr mit der Laudes, gefolgt von einer Zeit der Stille und Meditation.
Ab 7:30 Uhr beginnen die Mönche dann mit ihrer täglichen Arbeit. Zum einen sind das die Aufgaben in ihren jeweiligen Ämtern. Klöster sind hierarchisch strukturiert, mit einer klaren Aufgabenverteilung. Der Abt ist der Vorsteher des Klosters und leitet auch die anderen Besitztümer der Abtei, beispielsweise kleinere Klöster, die der Abtei unterstehen. Die eigentliche Verwaltung des Klosters übernimmt aber der Vikar, beziehungsweise der Prior. Ihm wiederum unterstehen Zellerar, Sakristan und der Kantor. Des Weiteren gibt es noch den Pförtner, den Bibliothekar, den Infirmar, den Novizenmeister und den Gastmeister. Sie organisieren das tägliche Leben der Mönche im Kloster und kümmern sich um die weltlichen Belange des Klosters.
Die restlichen Mönche beschäftigen sich überwiegend mit dem Studium. Das Kloster Gerleve hat eine große Bibliothek mit über 230.000 Büchern - die ältesten davon aus dem 7. Jahrhundert. Hier beschäftigen sich die Mönche mit allen möglichen Disziplinen der Geisteswissenschaften.
Um 8:45 Uhr versammeln sich die Mönche im Kapitelsaal zur Terz, bevor um 9 Uhr dann die Heilige Messe in der Kirche beginnt. Der Kapitelsaal ist der Versammlungssaal der Mönche. Hier werden wichtige Angelegenheit des Klosters gemeinsam besprochen, Wahlen für Klosterämter abgehalten und Neuzugänge wie Novizen in die Gemeinschaft offiziell aufgenommen.
Die Heilige Messe dauert 45 Minuten. Im Anschluss folgt nochmal eine Phase der Arbeit, bis dann um 12 Uhr das gemeinsame Mittagessen ansteht. Für mich als Gast war dabei besonders eigenartig, dass die Mönche im Speisesaal, dem Refektorium an den Wänden sitzen, während sich der Gästetisch in der Mitte des Saals befindet. Der Grundgedanke dahinter entstammt wieder einmal den Schriften des heiligen Benedikt, wonach die Mönche über ihre Gäste zu wachen haben. Natürlich habe ich mich als Gast dabei aber auch etwas beobachtet gefühlt.
Das Essen selbst wird schweigend eingenommen. Lediglich der Abt führt zu Beginn und Ende des Essens das Gebet und einer der Mönche liest während des Essens aus einem aktuellen Buch vor. Während ich die Mönche besucht habe, war das eine Biografie von Heinrich dem Löwen.
Keiner achte auf das eigene Wohl, sondern mehr auf das des anderen; die Bruderliebe sollen sie einander selbstlos erweisen
Regel des hl. Benedikt 72,7-8
Eine Klostergemeinschaft, erklärt mir Pater Marcel, das ist wie eine Familie - mit Schwiegerpapa.
Keiner der Mönche in Gerleve hat sich diese Familie ausgesucht, aber alle haben sich in dieser Gemeinschaft zusammengefunden und ihren Platz darin eingenommen. Das kann manchmal schwierig sein und nicht jeder versteht sich auch gleich gut mit jedem, aber trotzdem ist die Gemeinschaft der Mönche von einer großen Fürsorge miteinander geprägt.
Diese Fürsorge untereinander kann ich bei meinem Besuch immer wieder selbst beobachten. Viele der Mönche sind schon älter, manch einer von Ihnen bereits etwas gebrechlicher. Die anderen Mönche nehmen sich viel Zeit, um ihre Mitbrüder weiter am Klosterleben teilhaben zu lassen.
Auch die Pflege der Alten übernehmen die Mönche so weit es geht selbst. Erst wenn es nicht mehr anders geht, wird ein ambulanter Pflegedienst eingebunden oder der Bruder in einem Pflegeheim außerhalb des Klosters untergebracht
Die Sorge für die Kranken muss vor und über allem stehen: Man soll ihnen so dienen, als wären sie wirklich Christus.
Regel des hl. Benedikt 36,1
Im Garten der Abtei Gerleve liegen die verstorbenen Mönche begraben. Daneben finden sich aber auch namenlose Gräber, die an dunkle Zeiten erinnern.
Die Zeit des Nationalsozialismus hat auch in Gerleve ihre Spuren hinterlassen. Im Zuge des „Klostersturms“ durch die Nazis wurden die Mönche 1941 gezwungen, das Kloster zu verlassen. Zwei von ihnen deportierte man ins KZ Dachau, andere wurden zum Kriegsdienst gezwungen und fielen an der Front. In der leerstehenden Abtei richteten die Nazis eine Unterkunft für Schwangere ein – über 800 Kinder kamen in dieser Zeit in Gerleve zur Welt. Kurz vor Kriegsende wurde das Klostergebäude schließlich zu einem Lazarett, das nach der Kapitulation Deutschlands von den Alliierten weiter genutzt wurde. Etwa 100 verschleppte sowjetische Zwangsarbeiter, die in dem Lazarett verstarben, wurden auf dem Klosterfriedhof beigesetzt. Die Mönche halten die Erinnerung an diesen Teil ihrer Geschichte aufrecht.
Und auch den verstorbenen Mönchen wird gedacht. Wenn ein Mönch von Gerleve stirbt, beten seine Mitbrüder dreißig Tage lang für ihn. Ebenso lange steht an seinem Platz im Refektorium ein Kreuz. Der Leichnam wird nach Möglichkeit einige Tage in der Infirmeriekapelle aufgebahrt. Am Tag der Beisetzung wird das Totenoffizium gefeiert. Im Anschluss an die Totenmesse erfolgt die Beisetzung auf dem Klosterfriedhof. Von da an wird jedes Jahr am Vorabend seines Todestages im Refektorium ein kurzes Lebensbild des Verstorbenen verlesen.
Wer sich ohne Weisung des Abtes irgendetwas gegen einen Erwachsenen herausnimmt oder gar den Knaben gegenüber sich zu maßlosem Zorn hinreißen lässt, den treffe die von der Regel vorgesehene Strafe.
Regel des hl. Benedikt 70,6
Der Missbrauchsskandal innerhalb der katholischen Kirche ist auch an der Abtei nicht spurlos vorübergegangen.
Es ist kein Geheimnis, dass beide großen Kirchen in Deutschland in den letzten Jahren einen massiven Vertrauensverlust in der Bevölkerung erlitten haben. Diverse Missbrauchsskandale haben das Ansehen der Kirchen schwer beschädigt und der Umgang der Verantwortlichen mit diesem Thema haben ihren Teil dazu beigetragen.
Just zu der Zeit, als ich die Mönche in Gerleve besucht habe, erschien gerade ein Untersuchungsbericht der Universität Münster zu Missbrauchsfällen im Bistum Münster, bei dem auch der Name Gerleve auftaucht. Konkret geht es um einen verstorbenen Mönch aus der Abtei, der zu Lebzeiten überwiegend außerhalb der Abtei tätig war und viel mit Kindern und Jugendlichen gearbeitet hat. Im Gespräch mit Pater Marcel nehme ich vor allem eine gewisse Nervosität wahr, da bis dato auch den Mönchen in Gerleve das Ausmaß des Missbrauchs durch ihren Mitbruder nicht bekannt ist. Über den betroffenen Mönch selbst kann mir Pater Marcel leider nicht viel sagen, da keiner der Mönche ihn großartig gekannt hat. Zwar war er Mitglied des Konvents, durch seine Arbeit außerhalb habe er aber nicht im Kloster selbst gelebt. Allerdings, so der Tenor, sei der besagte Mönch damals auch nicht sehr beliebt im Haus gewesen, er war für seine ruppige und unhöfliche Art bekannt. Man sei also recht froh gewesen, die meiste Zeit nicht viel mit ihm zu tun haben zu müssen.
In den Gesprächen fällt mir auf, dass die Mönche sich hauptsächlich Sorgen um den Ruf des Hauses machen. Keine wirkliche Reue oder große Anteilnahme mit den Betroffenen. Das habe ja mit der Abtei gar nicht viel zu tun. Zu lange her, nicht in unserer Verantwortung. Dieselbe Reaktion sieht man auch im Verhalten des Bistums Münster. Betroffene sagen zum Beispiel im Rahmen der Veröffentlichung des Berichts: "Herr Genn kündigt zwar an, Konsequenzen zu ziehen, ohne jedoch konkrete Konsequenzen seines eigenen Fehlverhaltens zu benennen. Auffallend war, dass Genn das Wort „Schuld“ im Zusammenhang mit Priestertätern und Vertuschern – wenn ich richtig gehört habe – nicht ein einziges Mal verwendet hat ..." (Hier nachzulesen).
Ein Leben hinter Klostermauern ist für die meisten Menschen heutzutage nur schwer vorstellbar. In meiner Zeit bei den Mönchen konnte ich das Leben im Kloster abseits der Klischees kennenlernen und haben diesen Ort durchaus zu schätzen gelernt.
Es gibt viele Dinge, die man an der Kirche, insbesondere der Katholischen Kirche, kritisieren kann. Ich bin selbst kein sehr gläubiger Mensch und stehe der Institution Kirche eigentlich recht kritisch gegenüber. Aber gerade deshalb finde ich es wichtig, auch andere Meinungen zu hören. Bei meinem Besuch habe ich Menschen kennengelernt, die sich ganz bewusst für ein Leben hinter Klostermauern entschieden haben. Die Mönche haben mich herzlich aufgenommen und an Ihrem Leben teilhaben lassen. Die Eindrücke, die ich dabei sammeln konnte, werden mich sicher noch eine Weile begleiten.